Archiv: Juli 2016

Was können Hebammen und Geburtshelfer von der Verhaltensbiologie in ihren professionellen Alltag mitnehmen?

In Deutschland gebären Frauen durchschnittlich 1,6 Kinder. Damit gehören die wunderbaren Naturphänomene Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett nicht mehr zum Alltag der heutigen Zeit. Sie haben eine Sonderposition eingenommen.

Hebammen begleiten Frauen und Familien in dieser besonderen Lebensphase. Bereits in den ersten Tagen oder Wochen nach der Geburt werden Eltern und Familien von immer wieder neuen Fragezeichen begleitet. Das Neugeborene äußert sich auf seine eigene Weise. Die kindliche Kommunikation scheint andere Wege zu gehen. Die Nacht wird oft zum Tag und die guten Vorsätze, das Baby im eigenen Bettchen schlafen zu lassen oder nach festen Zeiplänen zu stillen, entpuppen sich als alltagsuntauglich. Hebammen stehen Eltern hierbei beratend zur Seite.

Verhaltensbiologische Erkenntnisse untermauern genau diese Gespräche, denn die jungen Erdenbürger bringen ein großes Gepäck an stammesgeschichtlicher Geschichte mit sich. So besitzen sie beispielsweise ein großes Potpurri an Verhaltensweisen, welche auf nonverbale Weise eigene Bedürfnisse kommuniziert. Im Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften schreien in westlichen Kulturen durchschnittlich 20% aller Säuglinge exzessiv, dies bedeutet nach Joachim Bensel(1) „überdurchschnittlich häufiges Quengeln und Schreien“.

Gemeinsam mit Gabriele Haug-Schnabel hat der Verhaltensbiologie hierzu verschiedene Fachartikel veröffentlicht, welche sich mit den Unterschieden von westlichen (unseren) Betreuungspraktiken mit denen von traditionellen Gesellschaften auseinandersetzen. Beide Verhaltensbiologen unterstreichen, dass beispielsweise folgende Aspekte in westlichen Kulturen des Öfteren in Vergessenheit geraten:

  1. Säuglinge sind Traglinge
  2. Babys benötigen die unmittelbare Nähe von Bezugspersonen
  3. Übergangsrituale erleichtern frischgebackenen Eltern das Elternsein

Verhaltensbiologen können in diesem Sinne die Arbeit von Hebammen mit wissenschaftlich fundierten Argumenten bereichern. Im Herbst 2017 ist es soweit: Die Verhaltensbiologin und Ethnologin Frau Dr. Gabriele Haug-Schnabel kommt nach Rostock. Fachkräfte des Sozial- und Gesundheitswesens haben die Möglichkeit, am interdisziplinären Fachtag 2017 teilzunehmen. Für (werdende) Eltern, Familien und Interessenten bereitet das Rostocker Netzwerk Abenteuer Familie einen Familienabend vor. Im Oktober 2017 referiert Frau Dr. Gabriele Haug-Schnabel in Rostock. Weitere Informationen erhalten Sie über www.physio-bastian.de/fachtag
Quelle Text :
(1)Bensel, J. (2003). Frühe Säuglingsunruhe: Einfluss westlicher Betreuungspraktiken und Effekte auf Aktivitätsmuster und biologischen Rhythmus, Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung.

Bild:Dr. Joachim Bensel, lernwelt.at

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Posted by bastian on in Fachtag