Urinstinkte in uns selbst: Alles nur Kinderkram? Auf den Spuren archaischer Züge im Verhalten Erwachsener

Ein Teilbereich der Verhaltensbiologie beschäftigt sich mit den angeborenen Verhaltensweisen von Säuglingen beziehungsweise Kleinkindern. Im Folgenden stehen jedoch einmal die Erwachsenen selbst im Fokus der Aufmerksamkeit. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie in ganz bestimmten Situationen ein Verhalten zeigen, welches eigentlich dem modernen, rational denkenden Menschen widerspricht? Wir haben uns auf die Suche nach typischen Momenten im Alltag gemacht und sind fündig geworden.

Oh es riecht gut und der Rostocker Weihnachtsmarkt beginnt

Noch vor dem ersten Advent beginnen fleißige Hände mit dem Aufbau der festlich geschmückten Weihnachtsstände. Es wird nicht mehr lange dauern und die Menschenmenge drängt sich dicht an dicht über den Rostocker Weihnachtsmarkt 2016. Unter ihnen sind einige, die sich schon einmal ein wenig in weihnachtliche Stimmung versetzen wollen. Andere wiederum können es kaum erwarten, endlich wieder einmal einen herrlichen Weihnachtsapfel, gebrannte Mandeln, Glühwein oder heißen Sanddorn genießen zu können. Auch gibt es Menschen, die den Weihnachtsmarkt in Rostock besuchen, um hoffentlich noch Schnäppchen für den Gabentisch zu ergattern.

In den hiesigen Warenhäusern und Boutiquen Nähe Lange und Kröpeliner Straße befinden sich die beliebten Wühltische. Wer hätte gedacht, dass wir auch genau hier auf unsere archaischen Spuren der Menschheit stoßen? Hier geht es nicht unbedingt darum, der netten Dame neben uns Vortritt zu lassen. Nein, in dieser Situation ist sich oft jeder selbst der Nächste und versucht, so schnell wie möglich an das begehrte, preislich stark reduzierte Glanzstück zu kommen. Eine vielleicht noch unbekannte Energie erwacht in uns und greift noch vor allen anderen zu.

Unsere steinzeitlichen Eigenschaften werden an der Kasse schließlich dann doch noch in Schach gehalten. Würden wir unserem archaischen Wesen folgen, hieße es einfach nur „Vordrängeln und der Erste sein.“. Da wir in diesem Fall jedoch mit sozialen Restriktionen der anderen Käufer rechnen müssten, stellt sich ein Großteil der Menschen dann doch zähneknirschend an die ewig lange Schlange an.

So viel Heimlichkeit, in der Weihnachtszeit und im Internet

Nach dem Weihnachtsbummel durch die Rostocker Innenstadt geht es dann direkt über die Autobahn wieder nach Hause. Hier kollidieren erneut tief in uns steckende, uralte Eigenschaften. Sobald ein Auto auf der Überholspur zu langsam ist, fährt so manch ein Autofahrer dicht auf. Manchmal kommt zusätzlich die Lichthupe zum Einsatz.

Der rational denkende Mensch ist sich zwar dessen bewusst, dass es im Fall einer Bremsung des Vordermanns in diesem Fall zum tragischen Unfall kommen würde, aber aufgrund der anonymen Situation kommen doch eher archaische Verhaltensweisen zum Tragen.

Nach dem Weihnachtshopping geht es direkt zu Hause an den PC, denn schließlich warten noch attraktive Auktionen auf den kaufbegeisterten Kunden. Aufgrund der Anonymität wird im Rahmen dieser bei beliebten Auktionsplattformen auch alles getan, um die vermeintlichen Gegner zu überbieten*. Sobald der Artikel schließlich in unserem virtuellen Warenkorb ist, wählen wir schlussendlich jenen Zahlungsweg, der für uns am sichersten ist.

Glockenklang aus der Ferne, über uns leuchten Sterne …

… und auch bei ritualisierten Gesellschaftsspielen wie Mensch-ärgere-dich-nicht* oder Mau-Mau freuen wir uns, wenn der geliebte Partner oder die Oma „rausfliegt“, denn schließlich wollen wir gewinnen. Es ist, als würden archaische Eigenschaften teilweise unbewusst unser Leben begleiten. Sobald sie jedoch von uns ertappt werden, wagen wir manchmal doch ein Umdenken. „Man muss auch mal verlieren können!“, lehrt so manch ein Elternteil oder die Großeltern das Kind. Ist es wirklich so? Was wäre, wenn wir vermehrt Wert auf Gesellschaftsspiele legen, die das Gemeinsam-Erleben begleiten? Sobald die Adventszeit vor der Tür steht, besinnen wir uns auf das Gemeinsam-Machen. Warum fordern wir immer wieder soziale Kompetenz, wenn im Alltag immer wieder der „Rausschmeißer“ dabei ist?

Gemeinsam-Erleben bringt Sicherheit. Sicherheit gehört auch zu einem unserer archaischen Überreste. Sicherheit bietet nicht nur Familie. Auch Freunde oder Arbeitskollegen können zum Kreise der uns umgebenden Menschen gehören, die uns ein Gefühl von Sicherheit ermöglichen. In diesem Sinne wünscht das Rostocker Netzwerk Abenteuer Familie eine urtypische Advents- und Weihnachtszeit.

Für das kommende Jahr 2017 plant das Rostocker Netzwerk Abenteuer Familie einen interdisziplinären Fachtag und Elternabend mit der Verhaltensbiologin Frau Dr. Gabriele Haug-Schnabel. Hier treffen ErzieherInnen, Sozialpädagogen und Lehrer auf Berufsgruppen des Gesundheitsbereiches. Im gemeinsamen Dialog mit Hebammen, Physiotherapeuten und Ärzten wird es möglich sein, neue Impulse für die alltägliche Beobachtung in der eigenen Kindergruppe mitzunehmen. Über www.physio-bastian.de/fachtag erhalten Sie weitere Informationen zum interdisziplinären Fachtag 2017 als auch zum Elterntag in der Rostocker Werkstattschule (Nähe Südstadtklinikum).

 

*Quelle:

Als gedankliche Anregung für diesen Artikel diente das Buch „Der genetische Notenschlüssel – Warum Musik zum Menschsein gehört“ von Christian Lehmann, vor allem Seite 215-234. Das Werk erschien 2010 in der Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH (München).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Posted by bastian on in Fachtag